Clean Beauty: Der Trend, den jeder anders erklärt
Kaum ein Begriff taucht in Beauty-Regalen und auf Social Media so häufig auf wie „Clean Beauty”. Gemeint ist meist ein Versprechen: Kosmetik ohne Inhaltsstoffe, die pauschal als „schädlich” oder „bedenklich” gelten, dafür mit möglichst transparenter Deklaration. Das klingt beruhigend – ist aber schwerer zu greifen, als es scheint. Denn anders als bei zertifizierter Bio-Ware gibt es für „Clean Beauty” keine einheitliche, verbindliche Definition.
Ein Begriff ohne gesetzliche Grundlage
Das ist keine bloße Vermutung, sondern rechtlich belegt: Weder die US-Behörde FDA noch die FTC haben „clean” als Bezeichnung für Kosmetikprodukte jemals verbindlich definiert – Fachjuristen sprechen von einer echten Regulierungslücke, die es Herstellern erlaubt, den Begriff weitgehend nach eigenem Ermessen zu verwenden. Auch in Europa sieht es nicht anders aus: „Clean Beauty” und „Green Beauty” sind keine geschützten Begriffe. Jedes Unternehmen kann frei entscheiden, ob und wofür es sein Produkt so bezeichnet – ein einheitliches Zertifikat gibt es dafür nicht. In der Praxis bedeutet das: Ein Produkt, das mit „frei von Parabenen” wirbt, kann trotzdem andere umstrittene Stoffe enthalten und sich weiterhin „clean” nennen.
Was tatsächlich reguliert ist: die EU-Kosmetikverordnung
Unabhängig davon, ob ein Hersteller mit „Clean Beauty” wirbt oder nicht, muss in der EU jedes Kosmetikprodukt die EU-Kosmetikverordnung (EG) Nr. 1223/2009 einhalten. Sie schreibt eine Sicherheitsbewertung für alle Inhaltsstoffe vor, bevor ein Produkt überhaupt in den Handel kommen darf. Einzelne Stoffe werden dabei vom Wissenschaftlichen Ausschuss für Verbrauchersicherheit (SCCS) laufend neu bewertet. Ein gutes Beispiel sind Parabene, die im „Clean Beauty”-Marketing oft pauschal als Feindbild dienen: Bei einer Neubewertung 2013 stufte der SCCS Methyl- und Ethylparaben in den zulässigen Höchstkonzentrationen (0,4 beziehungsweise 0,8 Prozent für die Summe mehrerer Parabene) als sicher ein. Für Butyl- und Propylparaben wurde der Grenzwert dagegen von 0,4 auf 0,14 Prozent gesenkt, weil ein Verdacht auf eine schwache hormonähnliche Wirkung bestand. Das zeigt: Die wissenschaftliche Bewertung ist differenziert und stoffabhängig – ein pauschales „Parabene sind schlecht” wird der Datenlage nicht gerecht.
Natürlich ist nicht automatisch sicherer
Ein zweiter Denkfehler, der sich um Clean Beauty rankt, ist die Gleichung „natürlich gleich sicher, synthetisch gleich riskant”. Das lässt sich so pauschal nicht halten: Auch pflanzliche Stoffe können Kontaktallergien auslösen oder instabil sein, während viele synthetische Inhaltsstoffe gerade deshalb entwickelt wurden, weil sie stabiler, besser verträglich oder gezielter wirksam sind als ihr natürliches Pendant. Ob ein Inhaltsstoff für die eigene Haut geeignet ist, hängt von der individuellen Verträglichkeit, der Konzentration und der Formulierung ab – nicht davon, ob er aus dem Labor oder der Pflanze stammt.
Orientierung: zertifizierte Siegel statt Marketing-Begriff
Wer sich nicht allein auf das ungeschützte Wort „clean” verlassen möchte, findet in tatsächlich zertifizierter Naturkosmetik eine verlässlichere Orientierung. Das NATRUE-Siegel etwa verlangt unter anderem den Verzicht auf Silikone, Mineralöle, synthetische Duftstoffe und gentechnisch veränderte Substanzen und schreibt vor, dass ein Mindestanteil der Produkte einer Marke zertifiziert sein muss, bevor überhaupt ein einzelnes Produkt das Siegel tragen darf. Der internationale COSMOS-Standard unterscheidet zusätzlich zwischen den Stufen „COSMOS Natural” und „COSMOS Organic” und bezieht neben den Inhaltsstoffen auch Verpackung und Herstellungsprozess mit ein. Solche Siegel sind an unabhängige, veröffentlichte Prüfkriterien gebunden – anders als das Wort „clean”, das jeder Hersteller frei verwenden darf.
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